Der Wesenstest

Interview zum Wesenstest in Hamburg

Interviewpartnerin: Frau Dr. med. vet. Schoening

Warum haben Sie sich für das Gebiet der Verhaltensforschung entschieden, was fasziniert Sie daran?

Ich bin über meine Doktorarbeit an dieses Thema gekommen. Eigentlich habe ich über ein klinisch-epidemisches Thema geschrieben, und zwar "Der Hund als Reservoir für Trypanosoma (Trypanozoon) brucei gambiense: vergleichende Untersuchungen zur Empfänglichkeit für T. b. gambiense Dutton, 1902 und T. b. brucei Plimmer & Bradford, 1899 und zum Infektionsverlauf bei einer europäischen und einer westafrikanischen Hunderasse". In diesem Zusammenhang war ich auch in Westafrika und habe mit westafrikanischen Pariah-Hunden gearbeitet. Hier war ein deutlicher Unterschied zu hiesigen Hunden im Verhalten, Sozialverhalten und Mimik zu erkennen. Sie haben eine wesentlich differenziertere und feinere Ausdrucksweise. Und das hat dann einfach so den Weg vorgegeben. Dann habe ich angefangen, mich da reinzulesen, mich fortzubilden, habe den Kontakt zu Frau Dorit Feddersen-Petersen aufgebaut, die damals in Kiel gearbeitet hat. Dann habe ich einfach weitergearbeitet. An der Universität Southampton wurde ein Studiengang zur Verhaltenskunde eingerichtet, den ich belegte und mit dem PhD abschloss mit der Arbeit "Entwicklung des Sozialverhaltens beim Hund unter besonderer Berücksichtigung des Aggressionsverhaltens am speziellen Beispiel der Rasse Rhodesian Ridgeback". Meine Mastersarbeit war der Aufenthalt in Afrika.

Wieso ausgerechnet Rhodesian Ridgebacks?

Eine Freundin von mir züchtet die. Und die haben mir einfach so gefallen, sie haben ein bisschen Ähnlichkeit mit den Pariahdogs, vom Aussehen und Verhalten. Von daher war dann klar, dass ich diese Rasse nehmen muss.

Haben Sie bei der Auswahl der Hunderasse berücksichtigt, dass es sich um einein manchen Bundesländern als potentielle "Gefahrhunde" benannte Rasse handelt?

Ich wusste ja damals bereits, dass die Bayern den Rhodesian Ridgeback auf der Liste der Gefahrhunde stehen hatten. Sie standen ja auch in Brandenburg auf der Liste. Wobei ich mich mit meiner Hündin, hätten wir nach Bayern ziehen wollen, einem Wesenstest unterzogen hätte. Für mich war bei der Rassenwahl ausschlaggebend, dass es ein größerer Hund sein sollte, mit dem man Sport treiben kann, d.h. über eine längere Strecke Rad fahren oder joggen. Und ich wollte einen Hund, der ruhig ist und im Sozialverhalten eine differenzierte Vorgehensweise aufzuweisen hat.

Warum befassen Sie sich nun mit potentiellen Gefahrhunden?

Nach Erlass der Gefahrhundeverordnung wurden Leute gebraucht, die Tests abhalten können. Ich hatte zuvor Gutachten in ganz Deutschland bei bereits auffällig gewordenen Hunden erstellt. Die Behörde hat in ihrer Verordnung zum Schutz vor gefährlichen Hunden und über das Halten von Hunden niedergelegt, dass gewisse Rassen als gefährlich einzustufen sind und bei einigen Rassen diese Vermutung der Gefährlichkeit widerlegbar sei. Den Haltern muss dabei der Nachweis der Ungefährlichkeit ermöglicht werden. Dieser Nachweis muss durch einen geeigneten Tierarzt oder einen geeigneten Sachverständigen erbracht werden. Die Anforderungen an Tierärzte bzw. Sachverständige werden von der Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales festgelegt. Es lag nahe hierbei auf Tierärzte für Verhaltenskunde zurückzugreifen. Ich selber bin Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Fachtierärztin für Tierschutz mit Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie und da war es dann naheliegend, dass ich dann diese Aufnahme übernahm. Ich habe auch noch zwei Mitarbeiterinnen, die das eben auch machen. Mittlererweile sind es aber auch hier in Hamburg 12 Tierärzte und Tierärztinnen, die Wesenstests durchführen.

Halten Sie nur in Hamburg Wesenstests-Prüfungen ab?

Im Moment mache ich Wesentests nur in Hamburg aufgrund der Verordnung, weil es einfach zu zeitaufwendig ist, dies auf ganz Deutschland auszuweiten. Außerhalb Hamburgs beurteile ich Gerichtsfälle, bei denen Hunde bereits verhaltensauffällig wurden.

Viele Hundebesitzer fragen sich, wer eigentlich testen darf und wodurch ein Wesenstestprüfer seine Qualifikation erhält.

Das ist die Schwierigkeit mit den diversen Landesverordnungen zu diesem Thema. In vielen Ländern existiert die Möglichkeit, vereidigte Sachverständige zu bestellen. In Hamburg gibt es so was nicht. Hier werden Personen anerkannt und ihnen wird eine gewisse Aufgabe übertragen, die der Gesetzgeber vorgegeben hat. Aber es ist nicht zu vergleichen mit dem vereidigten Sachverständigen. Sicherlich ist es ein Problem, einen guten Sachverständigen zu erkennen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass es den Beruf "Hundeausbilder" nicht gibt. Sicherlich existieren Personen, die sich in bestimmten Berufskreisen bewegen, die dann entsprechende Sachkunde erworben haben. So etwa Polizeihundeausbilder und überall dort, wo Hunde nach staatlichen Maßgaben eingesetzt werden und entsprechend ausgebildet werden müssen. Aber selbst da ist es meiner Meinung nach nicht so, dass die Ausbilder geschult würden, also es werden keine Lehrgänge mit theoretischer und praktischer Geschichte angeboten. Vielmehr wachsen diese Personen in den Beruf hinein, wodurch die Ausbildung aber nicht schlechter ist. Und sicherlich ist der eine oder andere dann dabei, der sich über Literatur etc. weiter kundig macht. Es gibt nur keine Kriterien, wodurch solches Wissen abgefragt wird oder die Ausbildung zum Sachverständigen noch mal staatlich kontrolliert wird. Dies gilt für den Hundeausbilder im privaten Bereich noch viel weniger. Von daher wäre es gut gewesen, wenn die Behörden jetzt, aus dieser Situation heraus, nicht nur die Stimmung ausgenutzt hätten, sondern doch einmal in Ruhe Qualitätskriterien erarbeitet hätten, was verlangt man an theoretischem Wissen, was an praktischer Erfahrung. So werden Leute als Sachverständige zugelassen, die sagen, sie haben 30 Jahre Erfahrung auf dem Hundeplatz und das reicht auch. Sicherlich mag das in einigen Fällen reichen, aber man sollte es nicht so generell sehen. Oft reicht an theoretischem Hintergrund, dass jemand sagt, er ist Leistungsrichter. Doch heißt dies nichts anderes, als dass er sich mit Rassestandards auskennt. Das muss aber nicht heißen, dass er das Ausdrucksverhalten interpretieren kann.

Gibt es Kriterien, an denen sich ein qualifizierter Tester erkennen lässt?

Der Hundehalter muss das Gefühl haben, dass sich der Tester wirklich für den individuellen Hund interessiert. Ich würde nie die individuelle Konstellation Halter-Hund außer Acht lassen, weil man nur so den Hund bewerten kann. Natürlich muss man dabei den sachlich-fachlichen Abstand wahren, also nicht emotional herangehen. Aber ich muss zumindest ein Interesse dafür haben, was für ein Gespann vor mir steht. Außerdem sollte ich auch versuchen Hintergrundinformationen zu erhalten, also warum hat der Halter so einen Hund, wo stammt der Hund her, wie lange hat er den Hund, wie lebt der Hund, was macht der Halter mit dem Hund. Das muss nicht unbedingt wie in Hamburg an Hand eines Fragebogens erfolgen, es kann sich auch im Gespräch ergeben. Auf alle Fälle aber sollten diese Informationen eingebaut werden als zur Gesamttestsituation zugehörig. Ich denke, es ist eine Sache, sich auf Abstand hinzustellen und das Verhalten des Hundes auf eine Fremde Person zu bewerten oder zu sagen, das ist Hund-Halter-Gespann A und dies Hund-Halter-Gespann B und es gehört die jeweilige Vorgeschichte dazu. Wichtig ist auch die Berücksichtigung, was der Tester kann und wo er herkommt. Natürlich ist ein auf Verhaltenskunde spezialisierter Tierarzt ein Kriterium, aber es ist auch schwierig dies so eng zu sehen.

Theorie alleine reicht ja nicht aus, es muss ja auch Hundeerfahrung in der Praxis vorhanden sein. Wie läuft deshalb die Ausbildung der Tierärzte, die z.B. in Hamburg den Wesenstest durchführen ab?

Wir haben das hier in Hamburg so gemacht, dass wir gesagt haben Tierärzte für Verhaltenskunde oder mit dem Zusatz "Verhaltenstherapie" sind dafür geeignet und automatisch anerkannt. Den Zusatz "Verhaltenstherapie" erhält man erst, wenn man mindestens drei Jahre nach Ablegen der Approbation entsprechend schwerpunktmäßig in der Verhaltenskunde gearbeitet hat. Zudem muss man mindestens 120 ATF (Akademie für Tierärztliche Fortbildung)-Stunden vorweisen und 25 Fälle eingereicht haben mit einer ausführlichen Darstellung, wie Anamnese, Diagnose, Therapiemaßnahmen. Das haben wir in Hamburg gesagt, müsste ausreichen. Es hat auch in Niedersachsen ausgereicht, weil die Leute der Tierärztlichen Hochschule Hannover entsprechend geschult waren.

Dann war noch das Problem, dass die Behörden gesagt haben, sie wollen mehr haben. So mussten die Tierärztekammern es dann auch schaffen, mehr Tierärzte zulassen zu können und dann ging es los mit den schnellen 12-Stunden-Fortbildungen. Ich persönlich halte zwölf Stunden eindeutig für zu wenig. Wir in Hamburg haben, dass wir 50 Stunden vorschreiben. Ein Teil der neuen hier zugelassenen Tierärzte haben sogar mehr als die 50 vorgeschriebenen ATF-Stunden gemacht. Sie waren auch alle eine Woche in Hannover in einer entsprechenden Einweisung und mussten dort die Verhaltenstherapie-Praxis mitbegleiten. So können wir sicherstellen, dass die Ausbildung fundiert ist. Denn in Deutschland gibt es nur ein paar bereits auf Verhaltenskunde spezialisierte Tierärzte. In Hamburg ist auch der Vorteil, dass sich die Tierärzte kennen, da es sich um ein kleines Bundesland handelt und so ist alles recht überschaubar und natürlich auch kontrollierbar. Man kennt sich eben und weiß, welche Ausbildung der andere hat. Niedersachsen hingegen hat mit Tausenden niedergelassenen Ärzten ein großes Problem der Qualitätskontrolle von Tests.

Wie verhalten sich die Hundebesitzer während des Tests?

Zu Beginn des Wesenstests weise ich darauf hin, dass ich auf dem Platz kein Stachelhalsband haben möchte, weil ich keine Krisensituationen haben will. Ich sehe Stachel als solches als unheimliches Konfliktpotential an. Stachelhalsbänder verursachen viele aggressive Zwischenfälle. Ansonsten sage ich den Besitzern, dass sie frei und ganz natürlich mit ihren Hunden reden können. Doch ist das eine Nervensache, und viele Besitzer sind zu angespannt, auf den Hund normal einzuwirken.

Wird nur auf dem Platz oder auch in anderen Umgebungen getestet?

Im Rahmen der Hund-Halter-Konstellation wird auch bewertet, wie sich der Hund Zuhause gebärdet. Der Hausbesuch klärt dies und für die Besitzer ist es nett, wenn man sich zuvor schon kennt, das entspannt die Situation schon sehr. Bei den Hausbesuchen versuche ich immer alles zu erklären. Die Reaktionen des Hundes zu erklären.

Wie läuft ein Hausbesuch ab?

Beim Hausbesuch sehe ich zunächst, wie sich der Hund verhält, wenn jemand Fremdes zur Tür hereinkommt. Schießt er gleich zur Tür hinaus und beißt, was bereits die extremste Situation ist und ist auch noch nie passiert. Ist er freundlich oder unsicher? Das sind die ersten Eindrücke von dem Tier als solches. Was mich da sehr interessiert, wie sich der Besitzer verhält. Komme ich z.B. zu einem Hausbesuch, ohne dass mich das Tier an der Tür empfängt und der Besitzer erklärt mir, dass der Hund unsicher ist und deshalb bei Besuch zunächst weggesperrt wird und erst herausgelassen wird, wen Ruhe ist und der Besuch sitzt, dann kann ich daran erkennen, dass der Besitzer sein Tier kennt und bereit ist, Vorsichtsmaßnahmen zu machen. Das ist dann schon positiv und kommt in den Test an sich mit herein. Dann folgt die freundliche Kontaktaufnahme. Dazu gehört auch, wie der Hund auf Bedrohung oder andere Leute reagiert. Ich habe immer eine Kameraperson bei mir, die ruhig in der Ecke steht. Die Haltung dieser Person mit den angewinkelten und nach oben gerichteten Armen sowie die Fixierung und ständige Verfolgung durch die Kamera sind bereits eine Bedrohung an sich. Wie sich der Hund gegen die Kameraperson verhält ist wichtig. Natürlich existieren Absprachen zwischen uns, auch um exakt auf eine eventuelle eskalierende Situation reagieren zu können. Dann versuche ich eine Spielaufforderung und mache einen Frustrationstest, also z.B. dem Hund das Leckerchen nicht zu geben aber zu zeigen. Außerdem arbeite ich mit dem Clicker, der als Extremstress eingesetzt wird. Es gibt Hunde, die sich sehr schnell aus dem Clicker heraus bedroht fühlen und reagieren. Ich merke schon vorher, wenn die Hunde extrem auf den Clicker reagieren, dann vermeide ich Gefahrsituationen, indem der Hund in entsprechender Entfernung angebunden wird. Andere Tiere reagieren mit einem Lernverhalten, dann gibt es Leckerchen und ich teste das Lernverhalten, z.B. müssen sie einen Stift antippen, was mit dem Click und einem Leckerchen belohnt wird. Die meisten Hunde, die das nicht kennen sind durch diese Gesamtsituation sehr schnell überfordert. Sie sehen das, was sie haben wollen (das Leckerchen zeige ich ihnen auch) und der Click eventuell mit einem die Nase berührenden Stift kombiniert, der durch den Click vibriert, wird allein dadurch zur potentiellen Bedrohung. Ich sehe dann, wie weit ich gehen kann.

Weitere Tests ergeben sich dann, wie Sitz, Platz. Ich sehe auch, wie sich der Hund manipulieren lässt. Ich zeige ihm ranganmaßende Gesten, wie aufreiten, auf den Rücken legen, auf die Schulterblätter legen. In Einzelfällen gehe ich auch mit Hund und Halter raus. Derzeit ist dies aber aus Zeitgründen eher selten.

Zum Test: Wie entstanden die einzelnen Bestandteile des von Ihnen durchgeführten Wesenstests und wer war an der Entwicklung beteiligt?

Entwickelt hat sich dies alles aus den bereits erwähnten Gerichtsgutachten von Hunden, die schon auffällig geworden sind. Das heißt, früher wurden die Tests nicht auf privaten Hundeplätzen durchgeführt, sondern wir sind mit den Tieren richtig rausgegangen auf die Straße, in die Stadt. Das Problem ist, dass wir das jetzt nicht mehr so schön machen, da die Hunde nicht von der Leine gelassen werden können und mit Maulkorb laufen müssen. Es macht aber keinen Sinn, die Hunde mit Maulkorb zu testen, wenn sie später ohne laufen sollen. Ein weiteres Problem ist, dass der Tag nur 24 Stunden hat und man nicht mit jedem Hund einzeln einfach ins Einkaufszentrum gehen kann. Hierzu ist nun eine Genehmigung nötig, da dort das Hausrecht gilt. Außerhalb ist die Genehmigung der Polizei notwendig. Auf dem Hundeplatz geht das besser. Hier hat man mehrere Wiesen zur Verfügung und mit der Polizei ist geklärt, dass wir Teile der Prüfung an der Straße abhalten können. Das alles war auch der Ansatz für den Niedersachsen-Test, bei dem ich mit an der Ausführarbeit beteiligt war. Wir haben hierbei versucht, den Test zu standardisieren. Das was ich hier mit den Hunden mache ist der standardisierte Test, der auch in meiner Habilitation Anwendung findet. Das heißt, da habe ich auch eine Kontrollgruppe aus 50 Hunden, Mischlingen, Schäferhunden, Dackel, Schnauzer, etc. Und ich habe eine echte Forschungsgruppe von 20 Rhodesian Ridgebacks, die ich seit dem Welpenalter kenne und begleite. Nach diesem Verfahren werden jetzt eben auch die in den Verordnungen als "Gefahrhunde" benannte Rassen getestet.

Welche Gewichtung wird den einzelnen Bestandteilen des Wesenstests gegeben, d.h. gibt es nur ein "Bestanden" und "Nicht bestanden" oder existieren auch andere Ergebnisse?

Ja/Nein gibt es in diesem Sinne nicht. Das Gutachten ist schon eine differenzierte Auflistung, d.h. es ist dann auch nicht so, dass nur ein Kommentar dasteht. Es ist ein ausführlicher Text, wo die einzelnen Situationen ausgewertet werden. Jede einzelne Situation ausführlich auszuformulieren ist derzeit aus Zeitgründen nicht möglich. Deshalb werden normale Situationen zwar aufgeführt aber nicht ausgewertet. Bei kritischen Situationen wird hingegen der Sachverhalt ausgewertet und bewertet. Eine Auflage aber kann ich nicht erteilen, das muss das Ordnungsamt machen.

Durchgefallen ist ein Hund auf alle Fälle dann, wenn er unmotiviert auf den Tester oder eine andere Person stürzen würde. In einer solchen Situation würde der Test sofort abgebrochen werden. So etwas habe ich auch schon gehabt, doch muss man das Verhalten meistens sehr differenziert sehen. Man muss immer sagen, dass Aggressionsverhalten als solches auch bis hin zum finalen Biss nichts absonderliches ist. Und was wir Menschen nun eben sagen ist, dass automatisch bei diesem Normalverhalten eine erhöhte Gefährlichkeit besteht. Das ist das, was wir nun versuchen herauszukitzeln. Man kann es aber nie mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Hundertprozentige Sicherheit liefert kein Testverfahren der Welt.

In der Ausführung des Wesenstests für Hunde steht, dass "entsprechenden Reizen Hunde begegnen können müssen, ohne dass es zu Ernstkämpfen mit Artgenossen oder Mensch kommt." Was versteht man unter einem Ernstkampf?

Das ist der Kampf, bei dem einer der Kontrahenten zum Schluss tot liegen bleibt. Bei Wölfen oder in einer Gruppe von Hunden mit sozialer Ordnung treten Kämpfe auf, wenn es zu einer Ablösung in der Rangordnung kommt und zwar oben. Weiter unten geschehen so gut wie nie Ernstkämpfe. Sie können mal vorkommen, aber sie sind eigentlich unnötig. Die Chefposition ist die, die jeder gerne hätte. Um die Position ganz oben werden Kämpfe ausgefochten, die anfangs auch ritualisiert sind. Wenn einer der beiden Kontrahenten dann zurücksteckt, ist Ende und die Situation geklärt. Gerade im Kampf um die oberste Rangstellung ist dann aber schnell der Punkt gekommen, bei denen die ritualisierten Kämpfe häufig nicht reichen und es zu einem Ernstkampf kommt. In der Natur wird dies so ausgeführt, dass dann wirklich einer auf der Strecke bleibt. Er wird dann entweder tatsächlich tot gebissen oder so massiv in die Flucht getrieben, dass er aus dem Rudel raus muss. Dies ist letztendlich in der Natur auch sein Todesurteil. Jeder Hund ist sozial expansiv und hat das Bestreben in eine höhere Rangposition zu gelangen. Die einen bringen ein bisschen mehr Rüstzeug hierfür mit, die anderen ein bisschen weniger. Bellen sich zwei Hunde durch den Zaun an, dann ist dies aber kein Rangordnungs-Verhalten, denn die Hunde kennen sich meist nicht, bilden keine soziale Gruppe. Dieses Verhalten ist tatsächlich zur Wahrung der eigenen persönlichen Integrität und ist erlernt. Einige haben gelernt, da könnten sich Konflikte anbahnen, also gehe ich lieber schnell nach vorne, um den anderen in die Flucht zu schlagen. Und sicherlich sind es auch territoriale Ansprüche, die geltend gemacht werden, weil die Leine ein kleines Territorium darstellt um den Besitzer herum.

Wie sehen die Konsequenzen der Testergebnisse aus, d.h. was passiert, wenn z.B. der Hund durch eine der Testgruppen fällt?

In solchen Fällen ist es in Hamburg Entscheidung der Besitzer, was weiter geschehen soll. Der Besitzer ist mein Auftraggeber, wenn auch durch eine Behörde dieser Auftrag verordnet wurde. Das bedeutet, ich unterliege der Schweigepflicht. In Niedersachsen ist das anders. Dort schickt der Tester das Gutachten direkt an die Behörde. Ich glaube, ich würde nicht testen, wenn ich es so machen müsste. Hier habe ich mit dem Datenschutzbeauftragten gesprochen, der ebenfalls bestätigte, dass der Halter der Auftraggeber ist und somit mein Patient und Klient, womit ich der Schweigepflicht unterliege, was irgendwelche Informationen über die Person anbelangt. Das Gutachten schreibe ich im Auftrag des Besitzers für den Besitzer und ich schicke es dem Besitzer. Er kann dann entscheiden, ob er damit die Wände tapezieren möchte oder es beim Ordnungsamt einreicht. Von daher wird dann auch keiner am Platz stehen und sofort den Hund einziehen. Das geht schon alleine deshalb nicht, weil der Hundeplatz Privatbesitz ist. Wenn sich herausstellt, dass ein Hund eben von seinem Verhalten als kritisch zu bewerten ist, dann würde ich erst einmal abbrechen und dem Besitzer den Grund nennen. Dann muss der Besitzer entscheiden, was er will. Das heißt, bei einem Kategorie 2 Hund kann der Besitzer weiterhin mit Maulkorb und Leine den Hund spazieren führen. Bei einem Kategorie 1 Hund ist der Test sowieso eine freiwillige Sache, um das berechtigte Interesse der Haltung zu untermauern. Ich bin da nicht diejenige, die sich hinstellt und über Leben und Tod des Tieres entscheidet. Dazu bin ich auch nicht beauftragt worden.

Trotzdem stellt letztendlich die Behörde das Negativzeugnis auf Grund meiner Bewertung aus. Würde die Behörde nun sagen, dass bei einer Situation der Hund ihrer Ansicht nach zu extrem reagiert hat, dann haben sie das Recht, das Negativzeugnis nicht auszustellen. Das sehe ich aber als sehr gefährlich an. Das Gutachten muss natürlich entsprechend objektiv geschrieben werden. Aber schließlich gibt es auch noch das Video, das jederzeit nachkontrolliert werden kann. Der Besitzer hat dann in einem solchen Fall natürlich Einspruchsmöglichkeiten und vor Gericht würde dahingehend entschieden werden, wer als Gutachter mehr Erfahrung aufzuweisen hat, die Behörde oder ich als Verhaltenskundlerin. Da wäre dann unter Umständen ein Amtstierarzt schlechter dran, wenn er nicht nachweisen kann, dass er mehr Erfahrung besitzt.

In Hamburg wird kein Hund sofort eingeschläfert. Wir haben hier nur die Probleme, dass wenn ein unangeleinter Hund ohne Maulkorb laufen gelassen wird und dann von der Polizei eingezogen wird. Und natürlich gab es hier die Leute, die ihre Hunde nach Inkrafttreten der Verordnung einfach weggeschmissen oder ausgesetzt haben. Das war natürlich für die Behörde ein Problem. Die direkt konfrontierten Amtstierärzte waren hier zwischen Tierschutz und Verordnung geraten. Auf dieser Ebene wurde es in Hamburg aber meiner Meinung nach gut gehandhabt. Es wurde natürlich sehr emotional in den Medien über verschiedene Vorgehensweisen berichtet und es wurde viel kritisiert. Doch letztendlich hatten diese Tierärzte keine andere Möglichkeit. Die Verordnung existiert nun einmal in dieser Form und ist von oben gekommen. Da war halt der Zugzwang da. Ich weiß nicht genau, wie viele Hunde auf Grund der Verordnung in Hamburg eingeschläfert wurden. Es sind ein paar aus der Auffangstation eingeschläfert worden, ungefähr 10. Aber die wurden auch nicht so eingeschläfert. Es gibt ein Abkommen zwischen dem Hamburger Tierschutzverein und der Stadt, wodurch die Tiere im Tierheim getestet werden. Natürlich ist das schwieriger, weil sie nicht in ihrer normalen Lebensumgebung leben und kein Halter dabei ist. Dann ist ein Tierpfleger anwesend, der sicherlich nicht als Bezugsperson gesehen werden kann. Deswegen wird mehrmals getestet, an verschiedenen Tagen, um zu sehen, ob die Hunde kongruent in ihrem Verhalten sind oder ob es Brüche gibt.

Muss immer der Besitzer dabei sein oder ist ein im Tierheim abgelegter Wesenstest auch gültig?

Die Hunde im Tierheim getesteten Hunde sind Tiere, für die es keinen Besitzer gibt. Bei dem Test geht es hauptsächlich darum, ob das Tier vermittelbar ist oder eingeschläfert werden muss. Wenn der Hund aufgegriffen wurde, weil er ohne Leine herumlief und ein Besitzer vorhanden ist, dann kann der Besitzer unter Einhaltung des Leinen- und Maulkorbzwangs auch auf die Herausgabe seines Tiers bestehen. Dann muss der Besitzer den Test machen. Nach einer Vermittlung eines herrenlosen Tiers muss trotz im Tierheim abgelegten Wesenstests nach einer Eingewöhnungszeit von etwa 12 Wochen das Tier nochmals getestet werden. Dieser Fall ist meines Wissens in Hamburg noch nicht eingetreten. Ich würde dann aber empfehlen, dass gewisse Bestandteile des Tests nicht nochmals durchgeführt werden müssen. Nur Schwerpunkte sollten nochmals getestet werden und das auch erst nach einer Zeit, wenn der Hund sich richtig eingewöhnt haben

Kinder sind ein großes Problem, da sie gerne schnelle Aktionen durchführen können und auch den Hunden in die Augen sehen oder auf andere Art das Tier unbewusst bedrohen können. Können Sie aus ihrer Erfahrung heraus auf Grund der im Test durchgeführten Situationsabfragen Übergriffe auf Kinder ausschließen?

Hier geht es wirklich um Wahrscheinlichkeitsaussagen und nicht um absolute. Natürlich kann man mit Kindern aus ethnischen Gründen keine Testes vollziehen. Mit diesen Tests können nie alle Situationen abgedeckt werden. Was wir mit den Tests machen ist, dass wir gewisse Alltagssituationen nachstellen, dass wir die Hunde unter extremen Stress setzen und dass man schaut, was die bevorzugte Handlungsmuster des Hundes sind. Zeigt er etwa eine Vorwärtstendenz oder geht er eher nach hinten. Dann werden markante Situationen durchgeführt, wie etwa jemand schreit das Tier an, ein Mensch kommt mit einem Spielzeug, jemand stolpert oder man versucht ein Betespiel. Geht der Hund darauf ein ist es besonders wichtig zu sehen, ob der Besitzer dieses Verhalten kontrollieren kann. Um zu sehen, ob bei Hunden, die sich sehr hineinsteigern es auch tatsächlich zu dem finalen Biss kommen könnte, setze ich auch meine Hand ein. Sollte die Hand dann einmal zwischen das Spielobjekt und den Hund kommen ist es wichtig zu wissen, ob es dem Hund egal ist oder er bei Berührung mit der Haut vorsichtig wird. Hat sich die Situation entwickelt und der Hund weicht vor dem Biss zurück, dann ist das gut. Mittels solcher Tests versuchen wir mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit, Gefahrenpotentiale zu erkennen.

Muss der Test mehrmals während eines Hundelebens abgelegt werden oder reicht einmal aus?

In manchen Bundesländern muss der Test im Jugendalter und später als Erwachsener Hund durchgeführt werden. In Hamburg wird ab einem Alter von etwa 1 Jahr einmalig getestet.

Wie viele Tests wurden bisher insgesamt durchgeführt und welche Resultate gab es dabei im Schnitt?

Ich habe bisher etwa 160 Tests durchgeführt. Hiervon habe ich nur bei zwei den Test abbrechen müssen. Einer der beiden Besitzer hat sich dann entschlossen, mit dem Hund zu arbeiten und der zweite Test steht nunmehr nochmals an. Ich habe hierbei keine Bedenken mehr, denn dieser Fall hat gezeigt, dass die meisten Probleme hausgemacht sind. Der andere Besitzer entschloss sich, den Hund zukünftig mit Leine und Maulkorb zu führen.

Gab es auch Doping-Vorfälle?

Bei Verdacht werden selbstverständlich Bluttests gemacht. Als ausgebildete Tierärztin sehe ich, wenn ein Hund einen Tranquilizer verabreicht bekam. Aber auch im Verhalten lässt sich dies deutlich feststellen, denn medikamentös behandelte Tiere kippen beim Frustrationstests unheimlich schnell um, was ein normaler Hund nicht machen würde. Bei zwei Hausbesuchen kam dies bei mir schon vor. Ich habe es den Besitzern auf den Kopf zu gesagt und beide haben es sofort zugegeben. Die Leute machen das aus dem guten Glauben heraus, dass Tier zu schützen oder sich selbst zu beruhigen. Dann greifen sie schnell einmal zu den Tabletten, die ihnen der Tierarzt eigentlich für Sylvester verschrieben hat. Sollte aber dennoch einmal der Fall eintreten, dass ich den verdacht habe und der Besitzer verneint, würde ich einen Bluttest bei einem Kollegen sofort anordnen.

Was kostet ein Wesenstest?

Ich verlange den einfachen Satz für ein "ausführliches Gutachten", wie es in der Gebührenordnung für Tierärzte steht. Dort steht auch, dass man für Leistungen, die auf Grund einer Verordnung erbracht werden, nur den einfachen Satz berechnen darf. Gedacht war dieser Passus sicherlich einmal für Tollwut-Impfungen. Ich aber wende sie natürlich auch auf die Gutachten an, die ich auf Grund der Gefahrhundverordnung erstellen muss. Die benötigten Stunden für den Hausbesuch, Test auf dem Platz, Auswertung des Videos und Erstellung des Gutachtens ergeben dann einen Preis von DM 500,-. Da ich jedoch im nächsten Jahr eine weitere Mitarbeiterin erhalte, werden auch bei mir die Kosten etwas steigen. Alles in allem werden die Kosten aber heiß diskutiert.

Gehen wir ein wenig vom Wesenstest an sich weg. Wenn ein Hund als Welpe neu ins Haus kommt, wie kann man diesen dann zu einem gut sozialisierten Tier erziehen? Welche Punkte müssen beachtet werden und welche Stationen sollte der Hund im ersten Lebensjahr passieren?

Ein Hund wird ein gut sozialisiert, indem er soviel wie es nur irgend geht kennen lernt und später nicht mehr vor dem erschreckt, was der Mensch im Rest seines Lebens noch für Situationen für ihn bereithält.

Vor allen Dingen aber, ab welchem Alter kann ich den Welpen ohne ihm zu schaden zu mir nach Hause nehmen?

Ich empfehle die 8. Lebenswoche. Welpen durchlaufen von der 4. bis zur 12. Lebenswoche die Sozialisationsphase, im Moment neigt man dazu zu sagen, dass sie bis zur 14. Lebenswoche geht. Dabei gibt es verschiedene Stadien, z.B. fangen die Welpen ab der 4. Lebenswoche an, Aggressionsverhalten zu entwickeln. Das ist zunächst nur mit einem leichten Fokus und völlig ohne Grund. Dann sieht ein Welpe ein Wurfgeschwister und reagiert aggressiv. Ein solches Verhalten ist vollkommen normal. In diesem miteinander agieren lernen die Welpen ihre Aggressionen zu modifizieren. Sie lernen die Beißhemmung, lernen dass es Drohverhaltensweisen gibt. Welpen sind zunächst nur neugierig und der Umwelt aufgeschlossen. Ab der 6. Lebenswoche beginnt sich dieses Verhalten zu ändern, sie werden ängstlich. Das ist der gleichzeitig der Zeitpunkt, an dem die Hundemutter anfängt, die Welpen abzustillen. Dann beginnen auch Schleifen des Verhaltens gegeneinander zu laufen, wobei das Neugierverhalten ab- und das Angstverhalten zunimmt. Wenn die Sozialisationsphase vorbei ist, habe sie kaum noch echtes Neugierverhalten, wie man das von jungen Welpen kennt. Dann herrscht hauptsächlich dieses Abstandsverhalten Neuem gegenüber vor. Mit etwa 8 Wochen halten sich Neugierverhalten und Angst die Waage. Deshalb ist dies der günstigste Zeitpunkt einen Welpen abzugeben an neue Besitzer. Das heißt natürlich nicht, dass der Züchter nicht vorher auch schon etwas mit den Welpen macht. Der neue Besitzer muss dies dann entsprechend fort führen, z.B. durch Welpenprägungstage aber auch mit dem Welpen in die U-Bahn zu steigen oder neben einem großen Müllaster zu stehen, beim Tierarzt vorbeizugucken, Fahrrad umzuschmeißen usw.

Was ist mit älteren Hunden aus dem Tierheim. Kann man diese bei fehlender oder schlechter Sozialisation "nachsozialisieren"?

Ja, aber es ist dann unendlich mehr Arbeit. Bis vor zwei Jahren hätte ich mit einem klaren Nein geantwortet. Früher ging man nämlich davon aus, dass ein Lebewesen nur mit einer bestimmten Anzahl an Gehirnzellen geboren wird, die dann nach und nach abnehmen. Heutzutage weiß man, dass sich Gehirnzellen wie andere Zellen auch regenerieren können. Man weiß auch, dass diese morphologischen Entwicklungsvorgänge, die in der Sozialisationsphase stattfinden und als Hardware-Komponente fixiert werden, auch im späteren Leben durchaus ablaufen können. Dazu muss man es entsprechend fördern und mehr Zeit investieren. Es wird auch diskutiert, dass in der Pubertät des Hundes noch mal eine zweite Sozialisationsphase ist. Das ist immer noch in Diskussion. Es gibt einige Anzeichen, die sagen, dass diese Hypothese wahr zu sein scheint, aber es ist noch nicht hundertprozentig bewiesen.

Nichthundebesitzer haben mittlerweile Angst vor Begegnungen mit Hunden. Wie können diese Menschen Signale drohender Gefahr bei einem heranstürmenden Hund erkennen?

Gefahrsituationen kann man vermeiden, indem man ruhig bleibt, nicht schreit. Begegnet ein kleiner Hund einem großen ist es wichtig, dass wenn beide Hunde an der Leine sind man einfach weitergeht. Das ist sowieso etwas, wo man denkt, dass die Besitzer selber schuld sind. Hat man den Hund an der Leine hat man schließlich jede Möglichkeit auf den Hund einzuwirken. Bleiben die Besitzer dann stehen und lassen die Situation dadurch sogar noch eskalieren, dann fehlt mir ehrlich gesagt das Verständnis. Wenn eine Krise ist und ich habe die Möglichkeit, diese Krise zu entschärfen, dann mach ich das doch auch. Ist ein Hund angeleint, dann sollte die Leine fallen gelassen werden. Am besten ist es, sofern dies die Zeit zulässt, die Leine vom Halsband abzuhaken und sich einige Schritte zu entfernen. Das fallen lassen der Leine bewirkt, dass der eigene Hund sich freier bewegen kann. Er merkt, dass der Besitzer in eine andere Richtung geht und sein Handlungsspielraum größer wird. das Problem ist, dass wenn sie merken, sie sind an der Leine, wissen Hunde ganz genau, dass sie eingeschränkt sind. Und natürlich ist der Bereich bei angeleinten Hunden ein kurzfristiges kleines Territorium, dass es zu verteidigen gilt.

Wir danken Ihnen für das Interview.

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